Wirtschaftsinformationen über Äthiopien

Grundlinien der Wirtschaftspolitik

Äthiopien ist mit einem Pro-Kopf-Einkommen von etwa 570 USD eines der ärmsten Länder der Welt (LLDC). Ein Großteil der Bevölkerung lebt unter der absoluten Armutsgrenze. Die strukturellen Probleme (Dürreperioden, rasches Bevölkerungswachstum und die daraus resultierenden Folgen für Umwelt und Ressourcen) sind ungelöst. Äthiopien bleibt von den Leistungen internationaler Geber, insbesondere der Weltbank und der EU abhängig. Die öffentlichen bi- und multilateralen Zahlungen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit beliefen sich in 2015 auf 20 % des Staatshaushaltes (Haushalt 2014/15: 223,4 Mrd. äthiopische Birr (ETB), etwa 9,8 Mrd. Euro).

Aktuelle Wirtschaftslage

Die Wirtschaftslage in Äthiopien ist durch Wirtschaftswachstum (2013: 9 %, 2014: 7,2 %), Inflation von 10,4 % und ein hohes Handelsbilanzdefizit von -10,4 Mio. USD gekennzeichnet. Der Staatshaushalt ist defizitär und kann nur durch externe und Binnenverschuldung zur Deckung gebracht werden. Die Landeswährung, der äthiopische Birr (abgekürzt ETB), zeigt gute Stabilität und wird nur langsam gleitend gegen den USD abgewertet 2015: 1 EUR = 22,8 ETB). Dabei ist der ETB zum USD um geschätzte 30 % überbewertet und wertet durch die Dollarbindung zu den wichtigsten Leitwährungen (außer dem USD) auf. Der Birr ist nicht voll konvertibel.

Die äthiopische Regierung bezeichnet die Wirtschaftsordnung als marktwirtschaftlich, geht in ihrem Konzept der revolutionären Demokratie jedoch davon aus, dass der Entwicklungsstand des Landes eine liberale Wirtschaftsordnung noch nicht zulässt. Entsprechend hat sie zwar eine Reihe von Reformschritten unternommen (z.T. Freigabe der Preise, Zulassung von Privatunternehmen, z.B. auch im Banken- und Versicherungssektor, teilweise Öffnung des Energiesektors für ausländische Investoren), übt jedoch weiterhin durch staatliche Monopolunternehmen (u.a. Luftverkehr, Telekommunikation, Energieversorgung), parteinahe Unternehmensgruppen und eine kontrollierende Bürokratie beherrschenden Einfluss auf die Wirtschaft aus.

Ausländische Direktinvestitionen

Durch regelmäßige Überarbeitung des Investment Codes von 1996 versucht die Regierung, Äthiopien als attraktives Land für Investitionen zu präsentieren. 2014 gab es einige aufsehenerregende ausländische Investitionen in Äthiopien. Darunter fielen türkische Investitionen in Textilfabriken, chinesische Leder- und Textilinvestitionen, sowie der Ausbau der Heineken Brauerei. General Electrics und GlaxoSmithKline haben angekündigt, dass sie Fabriken in Äthiopien eröffnen wollen. Gleichzeitig wurden mehrere Sonderwirtschaftszonen für das produzierende Gewerbe im Land eröffnet. Insgesamt nehmen ausländische Direktinvestitionen von niedriger Basis ausgehend rapide zu (240 % Zuwachs von 2012 auf 2013). Im Fiskaljahr 2013/14 wurden insgesamt 224 neue Auslandsinvestitionen mit einer Kapitalsumme von 18 Mrd. ETB (790 Mio. EUR) registriert. Somit wurde im vergangen Fiskaljahr mehr in Äthiopien investiert als in den vergangenen drei Jahren zusammen, was Äthiopien nun zum Investitionsempfänger Nr. 3 in Sub-Sahara Afrika macht. Das meiste Kapital kommt dabei aus der Türkei, China, Indien und der Europäischen Union (hier v.a. Italien, Holland, Schweden, Deutschland). Die Strategie der äthiopischen Regierung, ausländische Direktinvestitionen anzulocken, trägt somit deutlich erste Früchte. Dagegen vollzieht sich die Privatisierung staatseigener Unternehmen schleppend. Große Infrastrukturprojekte werden insbesondere in den Bereichen Infrasturktur (Straße, Schiene, Flughäfen), Energieproduktion, und Telekommunikation geplant und durchgeführt.

Die Reformen werden weiterhin von beträchtlicher Finanz- und technischer Hilfe multi- und bilateraler Geber flankiert.

Im Rahmen der Wirtschaftspolitik der äthiopischen Regierung ist der Landwirtschaft, auf die ca. 85 % der Bevölkerung und 40 % des BIP entfallen, eine entscheidende Rolle zugedacht (Agricultural Development Led Industrialization). Reformschritte wie die Liberalisierung des Agrarmarktes, Preisfreigabe für Agrarprodukte und deren freie Vermarktung haben zu einem deutlichen Anstieg der landwirtschaftlichen Produktion geführt. Die Landwirtschaft bleibt allerdings stark niederschlagsabhängig. Unabhängig von klimatisch bedingten Ernteausfällen gelten etwa 6 bis 8 Mio. Menschen als chronisch ernährungsunsicher.

Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht hat die Landwirtschaft eine überragende Bedeutung für die Beschäftigung und den Export. Wichtigstes Exportprodukt ist Kaffee. Der Industriesektor bleibt trotz einiger Investitionen noch schwach und trägt nur 14% zum BIP bei. Es handelt sich weitgehend um Leichtindustrie (Nahrungsmittel, Textilien, Lederverarbeitung).

Außenhandel

Die Importseite ist in Äthiopien durch den Import von Kapitalgütern für das Investitionsprogramm der Regierung geprägt. Die wichtigsten Importprodukte sind Kapitalgüter (32,8 %), Treibstoff, Dünger und Lebensmittel. Die wichtigsten Exportprodukte wiederum sind Kaffee, Ölsaaten, Gold, Früchte und Gemüse, Blumen, und Vieh. Die Exporterlöse stagnieren seit zwei Jahren. Dies liegt auch an der Dominanz der äthiopischen Exporte durch Rohstoffe ohne Wertschöpfung im Lande (9 der 10 Hauptexportprodukte sind Rohstoffe!). So entspricht Äthiopiens Exportleistung nur 14 % des BIP, sollte beim aktuellen Entwicklungsstand des Landes aber bei 24 % liegen (Vergleichsstudie der Weltbank von Ländern mit vergleichbarem Entwicklungsstand). Gründe für die Exportschwäche liegen u.a. in den großen Herausforderungen im Transportsektor (44 Tage Exportdauer eines Containers aus Äthiopien bei 31 Tagen Durchschnitt in Sub- Sahara Afrika und 21 Tagen in Asien, 1,095 USD Mehrkosten pro Container im Vergleich zu Tansania, Rang 141 von 155 im Logistics Performance Index 2012) sowie in der auf 10 – 13 % geschätzten Überbewertung des äthiopischen Birr. So endete 2014 mit einem um 25 % gestiegenen Handelsbilanzdefizit von 10,4 Mrd. USD.

Deutschland liegt bei den Abnehmern äthiopischer Exportprodukte auf Platz 5 hinter Somalia, den Niederlanden, Saudi Arabien und China. Der Wert äthiopischer Exporte nach Deutschland steigt weiter (14,4 % Anstieg auf 185 Mio. EUR, Hauptprodukte Kaffee und Textilien), während der Wert äthiopischer Importe aus Deutschland dieses Jahr sogar sprunghaft um 38 % auf 238,8 Mio. EUR zunahm (Hauptprodukte Maschinen und Fahrzeuge). Das deutsch-äthiopische Handelsvolumen wächst damit nach Jahren der Stagnation erstmals wieder deutlich und weist nun einen noch klareren Überschuss zu Gunsten deutscher Exporte von ca. 53 Mio. EUR auf. Gründe für diese Entwicklung sind der Einbruch des Weltmarktpreises für Kaffee im ersten Halbjahr 2014 sowie die gestiegene äthiopische Nachfrage nach deutschen Maschinen.